absolute Vilém Flusser

Das Buch aus der "absolute" Reihe des Verlags "orange press" bietet einen interessanten Einblick in das Leben und Wirken des Kommunikationstheoretikers und Medienphilosophs Vilèm Flusser und lädt den Leser zudem ein sich mit seinen Texten selbst auseinanderzusetzen. Dies ist insbesondere durch den Aufbau des Buches, eine Mischung aus Originaltexten, durchzogen von Abschnitten einer extra angefertigten, detaillierten Biografie möglich.

Durch die zwischengeschobenen Teile der Biografie lässt sich das Buch in verschiedene Abschnitte teilen. Ein voran gesetztes Interview bietet den ersten Einstieg, geführt im Todesjahr Flussers 1991, spricht der Journalist Florian Rötzer mit ihm über die neue Epoche, genannt Computerzeitalter, der Möglichkeiten und Veränderung der Philosophie in der Umgebung dieses Zeitalters und die Beeinflussung und Veränderung des Handelns, der Persönlichkeit der Menschen durch die Technik und den Fortschritt. Die darauffolgenden Texte werden sich weiter mit diesen Themen auseinander setzten.

Der erste Teil des Buches der direkt darauf folgt, beginnt mit dem ersten Teil der Biografie, der Herkunft Vilém Flussers und die Umstände die ihn dazu bringen sich genauer mit den Sprachen die er am Ende seines Lebens beherrschen wird, zu beschäftigen. Geboren in Prag geht er auf ein deutsches Realgymnasium fängt dort an Philosophie zu studieren,muss  als tschechischer Jude mit seiner zukünftigen Frau vor den Nazis fliehen, nach London, um dann später nach Brasilien auszuwandern. 

Die Essays "Die brasilianische Sprache" und "Die Stadt der Erstinkenden" befassen sich zum einen mit den Möglichkeiten der verschiedenen Sprachen, tschechisch, deutsch,englisch und portugiesisch und der Handhabung und Charakteristika eben dieser, als auch mit den Auf- und Niedergängen von Städten als zyklische Kulturphänomene anhand seiner neuen Heimat São Paolo.

Hier bewegt er sich zwischen dem Zwang Geld zu verdienen und dem Wunsch nach dem Studium der Philosophie. Bei der autodidaktischen Fortführung seines Studiums hat er zunächst nur einen, ebenfalls aus Tschechien ausgewanderten, Freund mit dem er einen regen Briefwechsel führt, zum Austausch. Dies ändert sich mit der Bekanntschaft Milton Vargas', Flusser steht nur in Kontakt mit Personen, die sich in der Kultur des Landes engagieren und findet in ihnen Menschen mit denen er seine Gedanken austauschen kann. Eine positive Wendung im Leben Vilém Flussers, er beginnt bei einer Literaturzeitschrift Texte zu publizieren, und weitere Publikationen führen dazu, dass er zunächst Dozent wird und dann einen eigenen Lehrstuhl erhält, den für Kommunikationstheorie. Er wird zur stadtbekannten Persönlichkeit.

Es folgen Essays zur Entwicklung der Medien mit denen der Mensch kommuniziert , die Weiterentwicklung von Bildern zu Schrift und die Zahlen die nun scheinbar an die Oberfläche drängen und die Oberhand gewinnen. Hiermit einher geht die immer weiterfortschreitende Aufspaltung der Elemente aus denen die Kommunikation besteht. Durch die Umstrukturierung der Bilder in Zeilen durch die Schrift verschwindet das "mythische" Empfinden der Menschen und an dessen Stelle tritt das lineare Empfinden der Geschichte, welches wiederum durch die Zahlen in einzelne Punktelemente aufgespalten. Dadurch, vermutet Flusser, wird in Zukunft die Weltanschauung des Menschen geprägt und sich daraus resultierend verändern. Des weiteren Beschäftigen sich die Texte in diesem Abschnitt des Buches mit den Medien (Fotografie und Film) des neuangebrochenen Zeitalters.

Vilém Flusser und Edith, seine Frau , kehren nach Europa zurück, dort erhofft sich Flusser die Möglichkeit zu größerer Entfaltung. Eine vom Nomadentum geprägte Zeit bricht an.

Die in dieser Zeit entstandenen Texte beschäftigen sich vor allem mit dem Gegensatz von diskursiven Medien, bei denen die Kommunikation nur in eine Richtung, vom Sender zum Empfänger,stattfindet und den dialogisch Medien, in denen Botschaften zwischen beiden Parteien ausgetauscht werden. Er geht auch auf die Möglichkeit der Umwandlung eines diskursiven Mediums zu einem dialogischen Medium ein bzw. der Veränderung der Funktion ein.Ebenso kategorisiert er die neuen Medien und betrachtet ihr momentane Funktion als diskursive Medien und die Auswirkungen auf die Menschheit, die zwischenmenschlichen Beziehungen und Aktionen. Des weiteren beschäftigen die Texte dieses Abschnittes sich mit Gedächtnissen, in der Natur und in der Technik, sowie mit der Bedeutung und Notwendigkeit von Sesshaftigkeit bzw. Nomadentum.

Der letzte Abschnitt der Biografie geht auf Flussers Erfolg im deutschen Sprachraum ein. In vielen Interviews dieser Zeit erklärt er sein Thesen vom Ende der Schrift und der Zukunft der elektronischen Bilder. Gleichzeitig sucht er, angesichts seiner Ansichten nur ein logischer Schritt, nach Alternativen zur Veröffentlichung seiner Texten in Schriftform. In diesen Jahren gibt in den Texten Flussers vor allem ein Thema den Ton an, die Ablösung  des Individuums und der Subjektivität durch relationelle und dynamische Beziehungen. Bis zu seinem Lebensende bleibt Flusser ein Nomade, weder zieht er nach Brasilien, noch nach Prag zurück, obwohl sich dort die Umstände verändert haben. Von einer seiner Vortragsreisen kehrt Flusser nicht, zurück 1991 stirbt er im Alter von einundsiebzig Jahren bei einem Autounfall nahe der deutsch-tschechischen Grenze.

Das Buch schliesst ab mit dem Text " Zur Zukunft der Werkstatt", eine Betrachtung des Aufbaus und der Arbeitsweise von Werkstätten im Mittelalter, der Neuzeit und der Zukunft, dem Verhältnis von Mensch und Maschine, der Trennung von Kunst und Technik durch die Industrierevolution, dem damit verbundenen Ausschluss der Kunst aus der Werkstatt und der, nach Annahme Flussers, erneute heutig stattfindende Zusammenschluss dieser Gebiete.

Alles in allem ist das Buch ein guter Einstieg in die Ansichten und Theorien Flussers. Es bietet die Möglichkeit einzelne Texte genauer zu lesen oder sich nur mit dem Leben Flussers zu beschäftigen. Auch die Beschränkung auf einzelne Gebiete der Theorie Flussers ist durch die Struktur des Buches möglich