Das weisse Buch

Der Titel dieses Buches verspricht alles und nichts. Von außen in strahlendem Blütenweiß und mit ausgestanzter Lochschrift die jegliches Quentchen Tinte vermissen läßt, erwartet den Leser im Buch dann ein buntes biografisches Potpüree in Form eines ausgewachsenen und satirischen Gesellschafts- und Schelmenromans.

Der Autor Rafael Horzon, Baujahr 1970, studierte Philosophie, Latein, Physik und Komparatistik in Paris, München und Berlin und ließ sich außerdem als Paketfahrer der Deutschen Post ausbilden.

"Das weisse Buch" beginnt Mitte der Neunziger, genau genommen 1995, und beschreibt auf höchst amüsante und zugleich triviale Art und Weise den Werdegang des  "größenwahnsinnigen" Unternehmers Horzon, der im Berlin Mitte der frühen Neunziger als es noch nicht Mitte war, zahlreiche Unternehmen ins Leben rief. Angefangen bei der Gründung der Hochstapler-Galerie Berlin-Tokyo mit der er gekonnt die Berliner Kunstszene aufmischte und persiflierte über eine eigene Wissenschaftsakademie, ein Möbelhaus namens "Möbel Horzon, das Modelabel Gelee Royale, einen Apfelkuchenhandel bis hin zur Agentur ReDesignDeutschland und viele weitere "sinnlose" Unternehmen zieht der Autor jegliche gesellschaftlichen Betriebe und Triebe durch den Kakao. Angefangen bei der Kunstszene über die der Akademiker bis hin zur suburbanen Fashion- und Designbranche verfallen alle dem Horzon'schen Treiben. Und werden gelinkt. Den Weg mit ihm bereiten viele bekannte Namen aus der Kunst- und Kulturachse Hamburg-Berlin (wie z.B.  Richter, Kracht, Goetz, Moritz von Uslar und DJ Koze) die zu der Zeit, als sich alles zugetragen hatte, noch am Anfang ihrer Karriere standen. Ebenso erzählt das Buch auch wie Berlin Mitte zu dem wurde was es heute ist.

Spontan muss man an Gustav Gans, den Kontrahenten Donald Ducks, denken, dem alles ständig zufällt und gelingt. So fragt man sich auch bei der Lektüre dieses Buches schmunzelnd wie viel Wahrheitsgehalt da im Spiel ist. Der Autor belegt in der Mitte des Buches alle seine extravaganten Aktivitäten mit Bildern und nach und nach verfalle auch ich dem Autor. Das Prädikat "Berlin-Buch" ist ja in der Regel negativ konotiert, doch in diesem Falle durchaus positiv. Es spiegelt ein Klischee-Bild Berlins wieder, wie es Egon und Irma aus Ober-Wulmstorf im Kopf haben. Eine große, dreckige Stadt voller Verrückter und Lebenskünstler die den ganzen Tag nur am dem Grad ihres Rausches und ihrer Selbstreflexion feilen um schließlich durch die Decke zu gehen oder wieder im Bodensud verschwinden. Alles oder nichts. 

So ist es auch bei diesem Buch. Man mag es oder eben nicht. Das wirklich interessante zwischen den Zeilen aber ist die Gegenüberstellung von Kunst und Geschäft. Zwischen beiden verläuft ein schmaler Grad bei dem Horzon sich fragt wann das Leben Kunst ist und wann Kunst ein gewinnbringendes Geschäft. Er selber möchte, im Gegensatz zu seinem kompletten sozialen Umfeld) unbedingt nur Unternehmer und kein Künstler sein. Unfreiwillig wird er natürlichzu  genau dem. Und das macht er spielerisch.

Nach der Lektüre erscheinen einem die eigenen Probleme wie Luxus-Probleme, ja alles Relevante im Leben scheint sich doch bestimmt auch so spielerisch meistern zu lassen sollte man denken. Dieses Buch hat das Zeug zum modernen Klassiker.

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