Die Schrift
Hat Schreiben Zukunft?

“Schreiben im Sinne einer Aneinanderreihung von Buchstaben und anderen Schriftzeichen scheint kaum oder überhaupt keine Zukunft zu haben.“

 

Diese Aussage stammt aus dem Buch „Die Schrift – Hat Schreiben Zukunft?“ aus dem Jahr 1987 von dem bekannten tschechisch-bolschewistischen Medienkritiker, Kommunikationswissenschaftler und - philosophen Vilém Flusser.

 

In seinem Buch „Die Schrift – Hat Schreiben Zukunft?“ beschäftigt sich Flusser anhand unterschiedlichster Medien in Form von Sprache, Schrift und Text mit dem Thema, inwiefern neue Apparate wie Computer die über programmierte Codes geschrieben werden, die traditionelle Art zu schreiben, ersetzen. Wie sich diese neuartige Revolution auf unsere Gesellschaft und auf unser Handeln auswirkt und wie sich deshalb die ganze Geschichte der Schrift und ihrer Entwicklung schlagartig geändert hat und weiterhin ändern wird.

 

 

Kapitel

 

Überschrift

Inschriften

Aufschriften

Buchstaben

Texte

Buchdruck

Vorschriften

Gesprochene Sprache

Technobilder

Briefe

Zeitungen

Papierhandlungen

Schreibtische

Dichtung

Lesearten

Entzifferungen

Bücher

Skripte

Digitale

Umcodieren

Unterschrift

 

 

Inhalt

 

Was genau versteht man eigentlich unter Schrift schreiben?

In der Geschichte der Schrift von ihren Anfängen bis heute hat sich einiges entwickelt. Laut Flusser hat sich jedoch nicht nur technisch sondern auch beim Umgang, der Absicht und dem Bewusstsein für das Schreiben etwas verändert. Zu der Zeit als Schrift in Form eines Alphabets (1500 v. Chr) noch mit einem Keil in Lehm geritzt wurde (wird hier als Inschrift bezeichnet – IN etwas ritzen) ist in seinem Buch die Rede von einem langen Prozess und eine genaue Auseinandersetzung mit den Gedanken und Gefühlen des Schreibenden. Man hat sich Zeit genommen sein Inneres so zu sortieren um es zu verbalisieren, damit der Leser den Schreiber auch versteht. Flusser definiert demnach das grabende Schreiben als Ausdruck eines Willens. Den Willen den Leser zum Nachdenken, Kritisieren und eventuellem Umdenken zu animieren. 

Über die Zeit hinweg wurden immer bessere Wege gefunden Gedanken schriftlich zu visualisieren. Durch Aufschriften beispielsweise, also das Schreiben AUF Papier mit einer Feder oder anderen Schreibutensilien, hat sich der Fortschritt des schnelleren Aufschreibens und der Vielfältigkeit beschleunigt. Dadurch hat sich auch das geschichtliche Bewusstsein verändert. Man war in der Lage Erlebnisse dokumentarisch aufzuschreiben und weiterzugeben, mehrere Menschen auf einmal aufzuklären und zu belehren (Bsp die Bibel). Vom Buchdruck ganz zu schweigen (Mitte 15. Jh), durch den die Vervielfältigung erst recht schnell und einfach möglich war. Schon hier hinterfragt Flusser bereits, ob sich die Menschen wirklich noch mit dem auseinandergesetzt haben, was geschrieben wurde. Oder ob es nur noch darum ging so schnell wie möglich Informationen festzuhalten, neue Technologien auszuprobieren, zu entwickeln und zu produzieren. Die Menschen haben verdrängt, sich mit den Inhalten der Texte zu beschäftigen. Er kritisiert in dem Fall die Begeisterung der neuen Technik, die viel größer war als das was übermittelt werden sollte. 

Das Buch „Die Schrift“ kommt noch aus dem Jahr 1987, aber selbst da war die Entwicklung der Computer und vor allem des „Computerschreibens“ schon sehr weit fortgeschritten und von hoher Bedeutung, weil sie so neu war. Das Wesentliche am Schreiben hat sich durch die neuen Medien, zu denen Flusser noch Disketten und Videobänder zählt, verändert. Noch von Schreiben zu sprechen in Form vom Programmieren der Apparate ist seiner Meinung nach falsch. Programm bedeutet im Lateinischen Vorschrift und ist nur noch ein Abarbeiten und Befolgen von Vorgaben. In dem Fall bezieht sich Flusser auf die Codes um einen Apparat wie einen Computer bedienen zu können und somit Informationen anhand von Bildern zu übermitteln. Es besteht kein Dialog mehr zwischen den Menschen sondern nur noch der Dialog zwischen dem Menschen und seinen Apparaten. Ihnen wird vorgeschrieben was sie leisten sollen und sie leisten das, was uns das Leben erleichtert, „unsere Trägheit und Faulheit unterstützt“. In dem Fall bekommt also das Wort Schreiben eine völlig neue Bedeutung. Es wird nicht mehr geschrieben um einem Leser Geschichten zu erzählen, auch nicht um Gefühle zu beschreiben oder geschichtliches Wissen weiterzugeben. Es handelt sich hauptsächlich darum Bilder zu erstellen, um ein “Künstliches Gehirn”, wie er es bezeichnet, das arbeiten zu lassen was bisher die Aufgabe des Menschen war um „frei“ zu sein. Er vertritt die Vermutung, dass die Menschen irgendwann wie ihre Maschinen funktionieren werden.

 

Zusammenfassend schreibt er: „Es gibt mittlerweile Codes , die besser als die Schriftzeichen Informationen übermitteln. Was bisher geschrieben wurde kann besser auf Tonbänder, Schallplatten, Filme, Videobänder, Bildplatten oder Disketten übertragen werden.  Und vieles was bislang nicht geschrieben werden konnte, ist in diesen neuen Codes notierbar.  Die derart codierten Informationen sind bequemer zu erzeugen, zu übertragen, zu empfangen und zu speichern, als geschriebene Texte. Künftig wird mit Hilfe der neuen Codes besser korrespondiert, Wissenschaft geschrieben, politisiert, gedichtet und philosophiert werden können als im Alphabet.“ - Seite 158