Über Fotografie

In ihrem Werk „Über Fotografie“ beschreibt die amerikanische Schriftstellerin Susan Sontag (*16. Januar 1933 in New York; † 28.Dezember 2004) die konträren Wesenzüge der Fotografie und bezieht sich dabei auf die bedeutensten Fotografen/-innen des letzten Jahrhunderts bis in die siebziger Jahre. Das Buch besteht aus sechs voneinander unabhängigen Essays mit den Titeln:

  • In Platos Höhle
  • Amerika im düsteren Spiegel der Fotografie
  • Objekte der Melancholie
  • Der Heroismus des Sehens
  • Fotografische Evangelien
  • Die Bilderwelt 

Ausgangspunkt für diese intensive Auseinandersetzung mit dem Medium der Fotografie war eine persönliche Erfahrung die Sontag im Alter von zwölf Jahren machte. Damals entdeckte sie in einem Buchladen in San Francisco Aufnahmen aus den Konzentrationslagern von Bergen-Belsen und Dachau. Diese Bilder bewegten sie zutiefst wie sie selbst sagte: „Mein Leben war verändert worden, in diesem einen Augenblick ... Als ich diese Fotos betrachtete, zerbrach etwas in mir.“

Es ist also nicht verwunderlich, dass die Autorin Fotografie als etwas Ambivalentes bezeichnet, da sie uns einerseits aufrüttelt, indem sie uns Bilder zeigt die wir sonst niemals zu Gesicht bekommen würden, aber andererseits unser Gewissen abtötet, durch das vielfache Aufzeigen von Gräueltaten. Die Zeitungen heutzutage sind voll von Schreckensbildern, doch oftmals nehmen wir diese nicht wirklich wahr, es sei denn sie zeigen etwas Neuartiges das wir auf diese Weise noch nicht gesehen haben.­

Eine weitere Problematik über die Sontag schreibt ist die Ästhetisierung des Motivs. Oftmals wird der moralische Anspruch einer Fotografie durch ihre Schönheit verdrängt. Zum Beispiel wirken die Portraits die Lewis Hine ­von Kinderarbeitern im Auftrag des National Child Labor Committee ablichtete durch ihren durchdachten Bildaufbau und Lichteinfall eher anmutig als schockierend.

Neben der moralischen Auseinandersetzung beleuchtet Sontag auch das Verhältnis zwischen Fotografie und Realität. Fotografie wurde von Anfang an zum exakten Abbilden der Wirklichkeit genutzt. Doch durch den Einsatz von Bildretusche kommt es zu einem Konflikt zwischen zwei Gegensätzen, dem Gebot der Wahrhaftigkeit und dem Gebot der Verschönerung. Mit den Mitteln der Bildbearbeitung die uns heutzutage zur Verfügung stehen ist es schwer zu beurteilen inwieweit eine Fotografie wirklich der Realität entspricht. Dazu kommt noch, dass eine Abbildung immer die Sichtweise des Fotografen wiederspiegelt und somit schon automatisch eine Wertung der Realität beinhaltet, es also im Prinzip unmöglich ist ein neutrales Abbild der Realität zu erhalten.

Durch ihre zeitlosen Themen sind Susan Sontags Essays heute noch genauso aktuell und bedeutend wie zur Zeit der Ersterscheinung im Jahre 1977, wenn nicht sogar noch bedeutender aufgrund der massiven Bilderflut mit der wir heutzutage konfrontiert werden. Wer sich also ernsthaft mit den Fragen der Fotografie in Bezug auf Realität, Kunst, Gesellschaft und Politik beschäftigen möchte, ist mit diesem Klassiker­ gut bedient.